Das neu gewonnene Selbstvertrauen

„Ich bin ehrgeizig und perfektionistisch“, lautet die Selbsteinschätzung. Coach Wolfgang Adler lobt: „Verena ist unglaublich willensstark. Noch hat sie in allen sieben Disziplinen Luft nach oben. Eine Ende der Leistungskurve ist nicht in Sicht.“ Verena Preiner will im Idealfall bis zu den Olympischen Sommerspielen 2028 in Los Angeles in der Siebenkampf-Weltklasse mitmischen und möglichst viele Medaillen, Rekorde und Titel fixieren. Die WM-Bronzemedaille in Doha soll für die 25-jährige Oberösterreicherin nur der Anfang gewesen sein. In der aktuellen IAAF-Weltrangliste rangiert sie auf Position sechs.

Verena Preiner kam bereits im Alter von sechs Jahren zur Leichtathletik und zur Union Ebensee. Mit 15 zog sie nach Linz, um fortan den Leistungssport möglichst professionell ausüben und mit Wolfgang Adler trainieren zu können. Ihr Wunsch damals: „Ich will einmal Staatsmeisterin werden und international antreten!“

2014 folgte die Premiere auf internationalem Parkett. Es begann mit Platz neun bei der Junioren-WM in Eugene. 2015 wurde sie Vierte bei der U23-EM in Tallinn, 2016 landete die Oberösterreicherin bei ihrem Großereignis-Debüt in der allgemeinen Klasse bei der EM in Amsterdam auf Platz sieben. 2017 holte sie U23-EM-Silber in Bydgoszcz inkl. österreichischem U23-Rekord. Damit war sie für die Freiluft-WM in London qualifiziert, stieg auf Rang 18 liegend vor dem abschließenden 800-m-Lauf nach einem Asthmaanfall aber aus.

2018 lieferte sie in Berlin als Achte mit 6.337 eine neue persönliche Punkte-Bestleistung ab. Die abgelaufene Saison verlief trotz zwei Verletzungen im Sprunggelenk einfach sensationell: Im Fünfkampf erst Staatsmeisterin, dann Hallen-EM-Sechste in Glasgow mit persönlicher Bestmarke. Im Siebenkampf erbrachte sie auf Teneriffa mit Bestleistung von 6.472 das Limit für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio und pulverisierte nur drei Wochen später in Ratingen mit 6.591 ihre Bestmarke und schnappte sich damit auch den ÖLV-Rekord (von Ivona Dadic). Und am 3. Oktober gelang mit WM-Bronze die Krönung der Saison.

Als Heeressportlerin absolviert die Weltranglisten-Dritte im Olympiazentrum in Linz bis zu 12 Trainingseinheiten in der Woche. Seit Anfang Juni 2019 ist sie fix für die Olympischen Sommerspiele in Tokio 2021 qualifiziert.

Das endgültige Ausrufezeichen gelang bei der Weltmeisterschaft im Oktober 2019 in Doha. Die ÖLV-Rekordhalterin belegte mit 6.560 Punkten hinter Katharina Johnson-Thompson (GBR) und Olympiasiegerin Nafissatou Thiam (BEL) den dritten Rang und gewann die Bronzemedaille. „Unglaublich, aber wahr. Natürlich haben wir daran geglaubt, gewusst, dass es im Idealfall passieren kann“, strahlte Coach Wolfgang Adler. "Die Art und Weise, wie Verena das umgesetzt hat, war Weltklasse! Dabei hat sie in den Wurfdisziplinen sogar noch einige Punkte liegen gelassen."

Verena schüttelte nur ungläubig den Kopf: "Dass ich mit Katharina und Nafissatou am Podium stehen darf, damit geht für mich ein absoluter Wunschtraum in Erfüllung. Fast zu schön, um wahr zu sein..."

 

 5 Fragen an Verena Preiner:

 

  • Wie kann man sich eine Olympiade, Deinen Weg zu den Olympischen Spielen vorstellen?

Ich habe mich 2019 erstmals vorzeitig für Olympia qualifiziert - nach knapp 10 Jahren (Hochleistungs-) Training und gut 9.500 Trainingseinheiten. Mit 15 bin ich mit meiner größeren Schwester von Ebensee nach Linz gezogen, um täglich trainieren zu können. Damals habe ich zu meinem Trainer Wolfgang Adler gesagt: Ich will einmal bei einem internationalen Wettkampf starten und an Österreichischen Staatsmeisterschaften teilnehmen. 2018, nach meinem sechsten Platz bei der EM in Berlin, hat er mir klar gemacht: Ab jetzt kommen wir nur mehr weiter, wenn Du mehr willst, als nur dabei zu sein. Du musst selbst daran glauben, auch gewinnen und Medaillen gewinnen zu können. Seit letzten Oktober, seit WM-Bronze 2019, weiß ich endgültig: Ich kann bei jedem Wettkampf ganz vorne landen.

 

  • Was ist Deine erste olympische Erfahrung (als Kind oder Jugendlicher)?

Ich war als Ersatz für die Europaspiele in Baku 2015 mit dabei. Damals waren mehr als 6000 AthletInnen aus 50 Nationen in Aserbaidschan am Start. Es gab ein Athleten-Dorf wie bei Olympischen Spielen. Ich hatte Zeit, mir andere Sportarten – wie Schwimmen oder Rhythmische Gymnastik – anzuschauen. Ich bin beim Essen mit Turnerinnen oder Gewichthebern an einem Tisch gesessen. Ich habe die zwei Wochen richtig genießen können. Damals war mir klar: Ich will zu Olympia, das ist für LeichtathletInnen der ultimative Traum.

 

  • Welche Erfahrungen hast Du im Zuge von Olympischen Spielen gemacht?

Ich habe 2016 die Olympia-Teilnahme ganz knapp verpasst. Es waren nur gut 20 Siebenkämpferinnen aufgrund ihrer Punkteleistung direkt für die Spiele in Rio qualifiziert. Der Rest wurde nach Weltrangliste aufgefüllt und da fehlten mir am Ende ein, zwei Plätze. Für Tokio habe ich gleich bei meinem ersten Wettkampf, zu Beginn der Qualifikationsphase, die IAAF-Norm überboten. Seither kann ich fix für Tokio planen. Die offene Rechnung von Rio ist damit beglichen.

 

  • Was bedeuten Dir die Olympischen Spiele?

Ich habe mit der Qualifikation ein sehr großes Karriere-Ziel erreicht. Aber mittlerweile sind meine Ansprüche gestiegen: Die Teilnahme allein genügt mir nicht, ich will mehr. Ich gehöre zu einem Kreis von 6 – 10 Athletinnen, die 2021 eine Olympia-Medaille holen können. Seit Doha weiß ich nur zu gut, wie schön es sich anfühlt, bei einem Großereignis bei einer Siegerehrung mit dabei sein zu dürfen.

 

  • Man sagt, Sport sei die beste Schule – was hast Du vom Sport gelernt?

Andere hatten vielleicht mehr Talent. Aber ich habe Kampfgeist und Durchhaltevermögen. Das zahlt sich am Ende aus. Ich glaube fest daran: Es gibt (fast) nichts, was du mit harter Arbeit nicht erreichen kannst. Ich habe jahrelang zu Mehrkämpferinnen wie Olympiasiegerin Nafissatou Thiam und Weltmeisterin Katarina Johnson-Thompson aufgeschaut. In Doha stand ich mit beiden am Podium und hatte selbst eine Medaille um den Hals. Das möchte ich – im Idealfall ­­– in Tokio wiedererleben.